
Die Reise beginnt außerhalb des Ruhrgebiets, im Rheinland, zwischen Rübenfeldern und Autobahnkreuzen. Von Rommerskirchen aus führt die Route über die A57 nach Norden, Kilometer für Kilometer näher ans Revier. Irgendwann fädelt sich die Straße in das Geflecht der Autobahnen ein: erst die A 42, dann die A 2. Der Verkehr wird dichter und Städte ziehen vorbei wie alte Bekannte. Kurz vor der Abfahrt Gelsenkirchen-Buer taucht er auf, unvermittelt und vertraut: der stehen gebliebene Flutlichtmast des alten Parkstadions, einst Heimat des FC Schalke 04 - ein stummer Gruß aus einer anderen Zeit. Wer hier abfährt, weiß: Jetzt beginnt ein Stück Geschichte, wenn man danach sucht.
Ich fahre im Kreisverkehr hinein und auf neun Uhr wieder hinaus, vorbei am Berger See, rechts auf die Kurt-Schumacher-Straße, am Bergmannsheil vorbei und durch die Unterführung auf die Vinckestraße. Dann biege ich links in die Horster Straße ein. Hier beginnt mein ehemaliges Kinderzimmer.
Verschwunden ist die Elefanten-Apotheke an der Ecke zur Ackerstraße, in der früher immer ein Geruch nach Kräutern in der Luft lag. Auch die Imbissbude Lammers, bei der sich die Kinder sich für ein paar Pfennig Fettbrötchen holten, gibt es nicht mehr. Ich mochte den Geruch schon damals nicht. Weiter unten befindet sich noch immer die Einfahrt der Spedition Feuersenger, aus der jahrelang die wuchtigen Lastwagen ein- und ausfuhren. Schräg gegenüber befindet sich noch immer die griechische Imbissbude, die seit den Achtzigern bekannt für ihr Gyros und Souvlaki sind. Ob dort noch dieselben Menschen hinter dem Tresen stehen oder bereits die nächste Generation?
Ich biege rechts in die Düppelstraße ein. Die Ludgeri Kirche ist entweiht und kein Gotteshaus mehr. Dr. Volk auf der rechten Seite ist verschwunden, der Kiosk weiter unten heißt nicht mehr Poschke und die Bäckerei ein paar Meter weiter nicht mehr Weissmann. Als Kind habe ich die Brötchen direkt aus der Backstube gekauft, zwanzig Pfennige das Stück. Und für fünfzig Pfennige gab es die leckeren Negerkussbrötchen, so nannte man sie damals. Heute nennt man sie Schaumkussbrötchen, doch der Geschmack ist derselbe geblieben: süß, klebrig, ein kleines Stück Himmel zwischen zwei Brötchenhälften. Alles verändert sich, das ganze Leben ist Veränderung, Korrektur und Anpassung.
Ich parke das Auto und gehe in die Hüchtebrockstraße. Hier habe ich einen Teil meiner Kindheit verbracht. Hier habe ich Fahrrad fahren gelernt, mit anderen Kindern Cowboy und Indianer gespielt und mit denselben Kindern Äpfel geklaut. Erwischt wurden wir nur selten, und dann blieb es unser Geheimnis. Die Straße und die ganze Siedlung wirken, als wäre die Zeit stehen geblieben, während die Jahre an ihnen vorbeigezogen sind. Die Häuser stehen dicht an dicht, und jeder Vorgarten erzählt seine eigene Geschichte.
Ich schlendere die Straße entlang und koste jeden Schritt aus. Ich gehe an den Haustüren vorbei und plötzlich sind die Namen wieder da, als wäre es gestern gewesen: Bartman, Neudert, Küplü, Borowiak, von Darl, Zaubi, Zink, Ünal, Marten, die beiden Hagen-Schwestern, dann die Tür meiner verstorbenen Tante. Mehr als vierzig Jahre sind vergangen. Vierzig Jahre. Und doch fühlt es sich an, als würde die Straße mich erkennen. Die Klingeln, die Treppenstufen, das Quietschen der Gartentore, alles ist noch gespeichert.
Ich schlendere bis zum Brößweg weiter und blicke auf das ehemalige Gelände der Schachtanlage Hugo. Von den Schächten zwei, fünf und acht sind nur noch das Fördergerüst von Schacht zwei sowie ein größerer Gebäudeteil übrig; alles andere wurde abgerissen. Früher ragte die Zeche mit ihren riesigen Fördertürmen vor unseren Häusern auf und war allgegenwärtig: im Ruß auf den Gardinen, im Kohlekeller, in dem die Eierkohlen rollten oder die Briketts wie schwarze Bauklötze gestapelt wurden. Es roch nach harter Arbeit, nach Steinkohle und nach dem Waschpulver, das die Mütter gegen den Ruß einsetzten, der sich jeden Morgen wie ein grauer Schleier auf die Fensterbänke legte. Wer damals Kind war, kannte den Rhythmus der Schichten, noch bevor er die Uhr lesen konnte. Wenn die Kumpel müde von der Arbeit nach Hause kamen, waren alle glücklich, ihre Liebsten wieder gesund in die Arme schließen zu können.
Abends saßen sie zusammen und erzählten vom Streb und von „vor Ort“, vom Steiger und von der Maloche. Sie sprachen über Kaninchenzucht und darüber, wessen Taube die meisten Preise gewonnen hat. Manchmal rief einer dem anderen auf dem Weg zur Nachtschicht ein „Glückauf“ zu. „Glückauf“ war kein romantischer Gruß, sondern ein ernst gemeinter Wunsch. Ein Wunsch von Menschen, die wussten, dass nicht jeder Weg nach unten auch wieder nach oben führte.
Den Bergmannsgruß habe ich beibehalten und grüße im Rheinland genauso, mit demselben Gedanken. In der Nachbarschaft, auf der Arbeit und immer, wenn es angebracht ist. Die Resonanz ist gemischt: Manche zollen mir Respekt und grüßen ebenfalls mit „Glückauf“, manchmal sogar, bevor ich grüße. Respekt in Reinform. Andere schütteln den Kopf und sagen: „Niemals!“ Ich nehme es gelassen, ist ja nicht böse gemeint. Heimat trägt man mit sich, egal wo man ist.
Morgens, als ich als Kind die Augen aufschlug, war da zuerst das gedämpfte Brummen der Zeche. Irgendwo rief jemand nach dem Hund, und woanders fiel eine Wohnungstür mit einem schweren Knall ins Schloss. Der Tag begann nie allein, sondern immer mit den anderen, mit der Siedlung, mit dem Gefühl, Teil von etwas zu sein. Heute, Jahrzehnte später, wird mir bewusst, dass hier nichts einfach verschwindet, dass unter jedem meiner Schritte Vergangenheit liegt. Unter dem Straßenpflaster, unter den Zechenhäusern und den Garagen, in denen einst an Ford Fiestas und Opel Kadetts geschraubt wurde, ziehen sich die verlassenen Strecken und Streben durchs Gestein. Da unten liegt noch das schwarze Grubengold, vergessen im Schoß der Erde. Kohle war der Motor, der nicht nur das Ruhrgebiet, sondern die ganze Welt bewegte. Die letzte Zeche hat längst ihre Tore geschlossen, kein Förderkorb ruckt mehr, keine Sirene ruft mehr zur Schicht, die Schächte sind verfüllt. Was unter Tage ist, ist unsichtbar geworden. Aber die Geschichte bleibt bestehen.
Ich betrete das ehemalige Zechengelände. Nach wenigen Metern erreiche ich eine Abzweigung nach links zur Halde Rungenberg. Die Halde ist ein künstlicher Berg aus dem Abraum der Zeche, aufgetürmt aus dem, was mühsam abgetragen werden musste, um an das schwarze Gold zu gelangen. In meiner Kindheit war die Halde ein grauer, verbotener Berg, den wir illegal über den Maschendrahtzaun betraten. Wir suchten nach Katzengold, nach goldglänzendem Pyrit, der wie ein kleiner Schatz in der Sonne funkelte. Dabei waren wir immer auf der Hut, nicht erwischt zu werden. So manche Hose ging dabei drauf, zerrissen am Stacheldraht. Über die Jahrzehnte ist die Halde zu einem riesigen Hügel geworden, der begrünt wurde und für Spaziergänger freigegeben ist. Im Winter rodeln die Kinder mit dem Schlitten die Abhänge hinunter. Von oben hat man einen herrlichen Ausblick auf den verbliebenen Förderturm von Schacht zwei und weiter hinten auf das Kraftwerk Scholven, wo ich nach dem Bergbau 22 Jahre meines Berufslebens verbracht habe. In die andere Richtung erstrahlt die Schalke-Arena und bei klarem Wetter reicht der Blick bis nach Bochum oder Essen. Der Geist der Bergleute steckt noch immer in diesem Hügel.
Wenn ich durch die Siedlung gehe, sehe ich die Siebziger- und Achtzigerjahre vor mir: Kinder mit aufgeschlagenen Knien, verklebte Kaugummiautomaten und den Kiosk an der Ecke, in dem es Brause für ein paar Pfennig gab. Über allem lag ein Ton, der rau und herzlich zugleich war. Das Revier hat sich verändert, die Büdchen werden seltener und die Menschen tragen heute feinere Kleidung. Aber wer hier aufgewachsen ist, weiß, dass es bei Tradition nicht darum geht, Asche zu bewahren, sondern das Feuer weiterzugeben. Und dieses Feuer brennt nicht nur hier in Buer, sondern im ganzen Revier.
So endet mein Ausflug in die Heimat, wo er begann: auf der Autobahn. Sie führt mich weg vom einsamen Flutlichtmast, der noch immer wacht. Weg von meiner Heimat, zurück in mein Zuhause. Vielleicht gibt es die Heimat nur einmal. Vielleicht erkennt man sie erst, wenn man wieder geht. In Gelsenkirchen-Buer lebt sie weiter – leise und unbeirrbar. Und wer hierher kommt, hört noch: „Hau rein, Kumpel!“ und spürt den Stolz des Ruhrgebiets.
Glückauf, Buer!
Ivano Fargnoli ( 2026 )